Wir können uns bewegen
zwischen billigem Glück
und erhabenem Leid.

Dostojewski

Podiumsdiskussion am 19. April 2002

Moderation: Klaus Wenger, Geschäftsführer von ARTE Deutschland

Bernd Kaufmann, Generallbevollmächtigter der Stiftung Schloß Neuhardenberg
Manfred Frei, Musikproduzent für Jazz und Klassik
Dr. Günter Struve, ARD-Programmdirektor
Bettina Erhardt, freie Autorin und Filmemacherin
Lauren Andres, Leiter der Redaktion Musik-Theater-Tanz beim Musikkanal Arte
Bruno Monsaingeon, Filmemacher
Dr. Rene Karlen, Intendant des Berner Sinfonieorchesters

Wenger: Die Sendezeiten für Musikfilme, besonders für e-Musik des 20. Jahrhundertes, gehen stetig zurück. Die Ursachen sollen heute gesucht und die Kriterien für Musik im Fernsehen der Zukunft definiert und verfeinert werden. Die ARD produziert jährlich 100 Stunden Musiksendungen, unterhält 20 Orchester und Chöre und ist europaweit der größte Produzent musikalischer Programme. Aber es gibt keinen festen Musik-Sendeplatz. Auch in Spezialprogrammen wie bei ARTE sinken Interesse und Akzeptanz musikalischer Programme. Herr Struve, woran liegt es, dass trotz der gewaltigen Anstrengungen keine festen Plätze im Hauptprogramm etabliert werden können?

Struve: Wir geben jährlich etliche zig Millionen für Musik im weitesten Sinne aus. Nimmt man Hörfunk und ARD hinzu, sind wir auch der größte Produzent zeitgenössischer Musik in Europa. Aber selbst ARTE kann bei Musiksendungen keine Zuschauer nachweisen. Da stellt sich die Frage: Soll man weitersenden? Wie kann man den ungeheuren Aufwand rechtfertigen? Denn das wir den auch in Zukunft leisten wollen, ist für mich keine Frage. Aber es schadet der zeitgenössichen Musik, wenn wir ständig nachweisen, dass es kein Publikum gibt. Dann muss man andere Wege gehen. Ich glaube, den haben wir in sechs Monaten gefunden und können ihn dann beschreiten: In allgemein akzeptierten Magazinen – wie Tagesthemen – kurze, spannende Auszüge senden für einen reinen Musikkanal auf einem der bisherigen Digitalkanäle, ohne Werbung und Quotenzwänge. Wir erwarten da kein Millionen Publikum, aber wir wissen, dass Einschaltquote Null immer noch rund 10.000 Zuschauer heißt. Eine allgemeine Zustimmung der ARD gibt es noch nicht, aber die ersten Zeichen sind so positiv, dass ich das hier schon einmal ankündigen kann.

Andres: Bei ARTE machen wir genauso viel Musik wie 1992, auch zur besten Sendezeit. Zwei- bis dreimal pro Jahr haben wir Rekordergebnisse von 1,2 Millionen Zuschauern – z. B. bei Carmen live aus der Pariser Oper. Bei zeitgenössischer Musik sind die Zahlen selten unmessbar. Auf der französischen Seite manchmal 80.000 bis 120.000 Zuschauer, das sind 0,2 bis 0,3 Prozent. Auf der deutschen Seite halten wir Zahlen unter 30.000, 40.000 Zuschauer für eine schlechte Zahl und das kommt häufig vor – insbesondere bei zeitgenössischem aber auch mit Barockrepertoire. Das Problem sind Repertoire und Form. Bei der Übertragung einer Oper, die für die Bühne gemacht ist, kommt sehr wenig rüber. Die Alternative wären Studioproduktionen, wie sie Felsenstein in den 60ern im deutschen Fernsehen machte. Aber das ist fast so teuer wie ein Fernsehfilm, was sich heute keiner mehr leisten kann. Aber vielleicht kann man mal ein Experiment machen. In den nächsten Monaten werden wir unser Programm erweitern. Wenn wir etwas Anderes machen, dann in die Richtung, die Herr Struve nannte.

Wenger: Frau Ehrhardt, woher hatten Sie die Zuversicht mit dem Film „Nono“ eine Form zu finden, mit der sie Zuschauern zeitgenösische Musik nahe bringen – ohne finanzielle Zusage einer Rundfunkanstalt?

Ehrhardt: Ohne Zusage zu produzieren war die pure Not. Zwei Konzerte, die im Mittelpunkt des Films stehen, sollten stattfinden. Ich konnte den Künstlern einfach nicht sagen: Wir machen das doch nicht. Deshalb habe ich selbst finanziert. Von der Form her wollte ich immer zeigen, wie Nono Musik und Leben verbindet, die Rhythmen Venedigs und seine sinnlichen Eindrücke. Ich kenne die Einschaltquoten nicht; weiß nur, dass die in Frankreich besser waren, weil ARTE dort kein Kabelkanal ist.

Herr Struve, birgt ein Spartenkanal für Musik nicht die Gefahr, dass eine Minderheit von Menschen weiter marginalisiert wird? Ist es nicht notwendig, dass diese wirkungsreiche Minderheit im Hauptprogramm bleibt? Könnte es nicht ein Punktesystem geben, wie bei der GEMA, dass diese Zuschauer aufwertet?

Struve: Grundsätzlich muss ein Vollprogramm alles bieten, muss Minderheiten bedienen, auch wechselnde Minderheiten kennen. Das ist gar keine Frage. Unser Programm ist ja nicht frei von Musik, auch nicht von zeitgenössischer. Fast kein Abend ohne große Musikausschnitte, allerdings im fiktionalen Programm. Ich finde es zynisch weiterzusenden, wenn man merkt, dass bei Musik die Freundschaft des Publikums aufhört, also zu senden, bis es ihm gefällt. Wenn das sich weigert hinzuschauen, helfen keine gut gemeinten Versuche. Deshalb scheint mir ein eigenes wohlbehütetes Bett die einzige Möglichkeit.

Wenger: Spartenkanäle investieren wesentlich weniger als ein öffentlich-rechtliches Hauptprogramm. Man muss daher aufpassen, dass so ein musikalische Himmelbett nicht zu einer Pritsche schrumpft.

Frei: Das Musik keiner will, stimmt nicht. 8 oder 10 Millionen gehen in Deutschland in Konzerte, eine Millionen in zeitgenössische. Im Fernsehen aber wird die Musik abgespeist mit Häppchen, Starkult und Events. Das ZDF hat es in die unsägliche Form „Achtung Klassik!“ gebracht. Da muss man sich nicht wundern, wenn ernsthafte Zuschauer das nicht mehr sehen können. Wer unter dem Druck zwischen Quote und Qualität steht – ob Autor, Produzent oder Redakteur – sollte daran denken, dass Musik als Kunstwerk lebt und dass sie tradiert, festgehalten und weitergetragen wird, auch wenn wir nicht die Zuschauer finden, die wir gerne hätten.

Wenn es im Hauptprogramm 50% Brutalität und Gewalt gibt und dann noch Gameshows – und danach, um 23, 24 oder 1 Uhr Musik, dass dann keiner mehr schauen will, weil man einfach nur noch Unsinn sieht, darf nicht wundern. Bei solchen Programmen stumpft man ab. Natürlich kann man auch gute Programme machen, mit hervorragenden Multiplikatoren und Moderatoren. Zeigen Sie doch mal, wie ein Werk vorbereitet wird und spielen es dann in voller Länge zur Hauptsendezeit. Man muss so lange senden, bis die Menschen es mögen! Denn was ist denn Musik? Es ist die wichtigste Sprache für kultivierte Menschen, um in irgendeiner Form zivilisiert und human miteinander umzugehen, es ist die sublimste Form der Humanisierung. Aber Musik in Häppchenform, dass ist auf Dauer nicht zuträglich, weil es nicht befriedigt. Man wird nicht 100% erreichen, es geht um die 10% die Vordenker sind, die eine Pionierrolle für eine positive menschliche Situation übernehmen. Mit Einschaltquoten und Spartenkanälen kommen wir nicht weiter. Da wird Musik endgültig ausgegrenzt – während das Hauptvolk Musikantenstadl, Andre Rieu und Justuz Frantz in Häppchenform kriegt.

Struve: Alles nur Sex und Crime und Unsinniges? Das ist eine Karikatur unseres Programms! Wir haben fast 50% Information. Und wir machen keine Häppchen: Ein Satz, ein Adagio und dann wird ausgeblendet, das kann ich auch nicht ertragen! Deshalb kämpfe ich für einen exklusiven Musikkanal. Aber wenn das hier nicht gewollt wird, dann höre ich auf. Dann gibt es den nicht. Im Moment ist das mein privatistischer Drang und ich versuche, die Kollegen dazu zu bewegen, über die Hürde zu springen.Sie haben die Hürde vorgegeben: 10%. Bringen Sie 10% und ich fahre sie mit dem Fahrrad wohin sie wollen, auch bei Gegenwind. Die sind reine Illusion, auch 5% sind reine Illusion. Früher gab es mal mehr. Die Eröffnung des Schlewig-Holstein Musikfestival hatte mal 5, mal 6%. Aber jetzt sind es oft nicht ein Prozent. Natürlich möchte ich jeden Abend eine Maler-Sinfonie hören. Aber doch nicht im Fernsehen mit dem verrauschten Ton, allenfalls von CD, im Hörfunk oder im Konzertsaal.

Karlen: Bei Konzerten im Fernsehen gefällt mir der Ton auch nicht, meist auch die Kameraeinstellung nicht. „Krieg und Frieden“ mit 100 Leuten auf der Bühne: Auf einem kleinen Fernseher erkennt man kaum, was auf der Bühne los ist. Ich bin für ein TV-spezifisches Format bei Musiksendungen. Dabei sind 80.000 Zuschauer für mich als Intendanten fragwürdig. Ich habe einen Saal mit 2.000 Leuten zu füllen. 80.000 Zuschauer wären 40 sehr große Sääle.

Schade, dass der Zeiger immer nur bei der Quote ausschlägt. Wenn sich Qualität messen ließe, wäre es anders. Der würde bei gewissen E-Musik-Programmen im zeitgenössischen Bereich gewaltig ausschlagen – und bei einigen TV-Sendungen nicht. Die Qualität völlig außer Acht zu lassen ist höchst problematisch.

Kauffmann: Dass es mit dem seriösen Teil der Musik im Fernsehen bergab geht ist normal. Andererseits gibt es bei seriösen Festivals im Sommer einen stetigen Boom. Musik ist etwas anderes als Fernsehen. Orchesterkonzerte im Fernsehen sind zweite Wahl. Komponistenfilme und wie die an das Werk herangehen, das sehe ich gerne. Die Diskussion hier erinnert mich an Dostojewskis „Wir können uns bewegen zwischen billigem Glück und erhabenem Leid“. Dazwischen sitzen wir hier alle.

Warum eigentlich will die zeitgenössische Musik, die so viel Qualität hat, überhaupt ins Fernsehen? Warum in Spartenkanäle? Wir haben ein Orchester aufgebaut mit Israeli, Palästinensern und Syrern. Das Fernsehen wollte das dann haben, wegen des Events. Wir haben es nicht gemacht, weil wir es dafür nicht brauchten. Manchmal ist es besser, auf die Originalität und Originarität der musikalischen Ereignisse zu setzen – und sich nicht des Transports-, Legitamations- und Berufungsriemens Fernsehens zu versichern und den als Identitätsstifter zu benutzen.

Karlen: Musik im Fernsehen ist wichtig! Die meisten Menschen können nicht zu den interessanten Musikereignissen, die in Weimar, Zürich, London oder Berlin stattfinden. Die Informations- und Motivationsfunktion von großartigen Künstlern mit ihren Werken in angemessener Umgebung mit Kommentar zu erleben findet zu selten statt.

Andres: In einigen Wochen werden wir Beethovens Neunte von Simon Rattle in der Berliner Philharmonie sehen können. Das werden so eine Millionen Zuschauer sehen. Das ist enorm! Aber bei der zeitgenössischen Musik sind Musikerporträts besser, die zeigen, wie die Musik entsteht. Da haben wir nur 20.000 bis 140.000 Zuschauer. Wenn das Porträt besonders gut ist, auch 200.000. Man kann noch vieles besser machen, auch Konzerte besser filmen. Die Situation ist nicht schwarz oder weiß.